Handschellen Handschellenseite Enris' Handschellen-Sammlung - Navigation

Startseite Sammlung
Navigation zu Einzelseiten | Übersicht
Deutschland 1 | Deutschland 2 | Deutschland 3 | DDR | Europa 1 | Europa 2 | Frankreich | Großbritannien 1 | Großbritannien 2 | Fernost 1 | Fernost 2 | China | USA 1 | USA 2 | USA 3 | USA 4 | Restliche Welt
Handschellen | Gelenk-HS | Darbies | Fußschellen | Antike Schellen | Sonstige
Alcyon 1 | Alcyon 2 | AHC 1 | AHC 2 | AHC 3 | Clejuso 1 | Clejuso 2 | Clejuso 3 | Clejuso 4 | Deutsche Polizei | Hiatts 1 | Hiatts 2 | Hiatts 3 | Hiatts 4 | Hiatt-Thompson | Indian Darbies | KUB 1 | KUB 2 | Peerless 1 | Peerless 2 | Peerless 3 | Ralkem | Rivolier | S & W 1 | S & W 2 | S & W 2 | Yuil |

Peerless (1)

Die us-amerikanische Firma Peerless hat in gewisser Weise Handschellen-Geschichte geschrieben und als erste in größerer Anzahl Handfessel mit drehbarem, durchschwingenden uns selbstschließendem Arm vermarktet. Bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts existierten Handschellen in verschiedenen Formen, etwa im britischen Darby-Stil. Handschellen waren meist schwer und nicht einfach zu bedienen, häufig musste man beide Hände zum Schließen gebrauchen. Zudem mussten sie meist - auch nach versehentlichem Schließen - wieder mittels Schlüssel geöffnet werden. Ein einfaches "Durchschlagen" oder "Durchschwingen" und damit einfaches Anlegen war kaum möglich. 1911 reichte George A. Carney ein Patent für eine durchschwingende Handfessel ein, das den besonderen Augenmerk darauf hatte, die Fessel einsatzbereit zu halten und einsatzfähig zu machen. Ein durchschwingender Bügel löste also das Problem, Handfesseln zwar geschlossen, aber nicht verschlossen mitzuführen, um sie umstandslos anwenden zu können. Zudem erlaubte die Konstruktion eine insgesamt leichte Handfessel.
Das Patent wurde am 20. Februar 1912 erteilt, der quasi die (juristische) Geburtsstunde moderner Handschellen ist, und dem jährlich in Fachkreisen als "handcuff day" gedacht wird.

Carney trat dann an den Geschäftsmann und Vorsitzenden des Polizeirats von Springfield, Massachusetts, James M. Gill, heran, der 1914 das Patent von Carney erwarb und die Peerless Handcuff Company gründete. Da Gill noch keine Produktionsmittel hatte, holte er einen Freund mit ins Boot, Joseph H. Wesson, von der damals bereits mit Schusswaffen sehr erfolgreichen und ebenfalls in Springfield ansässigen Firma Smith & Wesson. Carneys Patent beinhaltete noch kein adäquat funktionierendes Schließsystem, das dann Joseph Wesson entwickelte und wenige Monate später patentieren lassen konnte (Pantenerteilung 1915). Auch dieser Schlosstyp ist bis heute im wesentlichen für Handschellen relevant: Mit federnd gelagerter Zahnstange, die gegenläfig in die Zähne des Bügels greift und diesen somit am "Rüschwingen" hindert, zudem mittels Schlüsseldreh durch weghebeln der Zahnstange zu öffnen ist, und schließ auch noch zu arretieren also gegen weiteres Schließen zu sichern ist, indem durch einen Dreh des Schlüssels entgegen der Öffnungsrichtung die Zahnstange festgesetzt wird. Im Englischen wird die Arretierung "double lock" genannt (normal eingerastet ist der "single lock", gegen weiteres Einrasten versperrt dann der "double lock"). Eine spätere Entwicklung beinhaltete, die Handfesseln seitlich zu arretieren, indem mit einem Pin am Schlüssel ein Stift in den Schlosskörper eingedrückt wird.

Diese Bauart hat sich bei Peerless nahezu unverändert erhalten und wurde später von vielen anderen Herstellern kopiert (vgl. die als "revolutionär" gefeierte Erfindung von Albert Massenot, die "La Massenotte" in Frankreich 1926), da diese Handfesselform sich schnell etablieren konnte und bei den Kunden großen Anklang fand. Die typische Standardhandschelle ist demnach eine Handfessel im Peerless-Stil, mit stehendem Doppelbügel, durch den der bewegliche Bügel durchschwingen kann. Sie verfügt über eine Arretierung, welche verhindert, dass die korrekt angelegte Handschelle weiter geschlossen werden kann. Entsperren der Arretierung und Öffnen der Fessel funktionieren mit dem (gleichen) Schlüssel.

Die Klassiker.

Peerless "Patent Model":

Peerless Patent Model

So sieht also die "Urmutter" der Standardhandschellen aus, das Modell wird zuweilen auch als "Patent Model" bezeichnet. Es dürfte zwischen ca. 1915 und 1917 hergestellt worden sein.
Dieses Modell verrät neben der Patentangabe FEB.20.1912 die Herstellung bei Smith & Wesson, da Peerless noch keine eigenen Handschellenwerkstatt hatte. Das Modell hat natürlich die oben genannte Arretierungsfunktion, die noch durch Schlüsseldrehung und nicht über einen Stift ausgelöst wird. Dabei kann sich die Handschelle versehentlich öffnen. Es fällt zudem auf, dass der bewegliche Bügel noch keine Rille oder Kerbe hat, die im Zusammenspiel mit entsprechenden Höckern in Schlosskasten das Aufbiegen des Bügels erschweren soll. Zudem bestehen die Fesselhäften aus identischen Teilen, sie sind also nicht zueinander gespiegelt. Übrigens funktioniert mein sicher über 100 Jahre altes Exemplar noch einwandfrei. Es ist aufgrund seiner Geschichte, Technik und Funktion eins der Glanzlichter meiner Sammlung.

Peerless Markierung Peerless Markierung

Peerless Model 1:

Peerless Model 1 Peerless Logo

Dieses Modell trägt die Patentdaten FEB.20.1912 NOV.23.1915 und hat eine Sicherungsrille im Bügel. Außerdem sind die Hälften zueinander gespiegelt: Die Schlüssellöcher zeigen in die gleiche Richtung, wenn die Öffnungen in die gleiche Richtung weisen. Von diesem Modell wurden ab ca. 1917 sieben Versionen hergestellt, die sich in Details unterscheiden. Die statt aus einem aus zwei kurzen Kettengliedern bestehende Verbindung der Schellen gibt es seit Version 3.
Das vorliegende Exemplar dürfte gemäß Ausführung und Markierungen Version 7 sein.
Das rückseitige Logo von Peerless soll übrigens einen stilisierten, durchschwingenden Bügel darstellen.

Peerless Model 2:

Peerless Model 2 Push Pin am Model 2 Patentmarkierungen am Model 2

Die hervorstechendste Neuerung bei diesem ab 1924 hergestellten Modell ist die Arretierung mittels Stift am Schlüssel - ein Meilenstein in der Geschichte der Handschellenkonstruktion. Das Prinzip wird auf englisch meist "push pin" genannt. Ingesamt zeigt dieses Modell weitere Veränderungen. Von diesem Modell gab es sechs verschiedene Versionen.
Das abgebildete Exemplar ist Version 5 (entsprechend den Markierungen und der Seriennummer) und wurde vermutlich 1928 hergestellt.

Peerless Model 3:

Peerless Model 3 Peerless Model 3

Das dritte Modell basiert auf einer umfassenden, insgesamt vereinfachenden und insbesondere leichteren Konstruktion der Handschellen, ohne die bereits etablierten Funktionen zu vernachlässigen. Es wurde von 1931 bis in die 1990er Jahre hinein gebaut. In den ersten Jahren wurde Model 3 weiterhin, wie bisher alle Peerlessmodelle, bei Smith & Wesson hergestellt. Die Rohform hat sich bisher bei den Peerlessmodellen erhalten und wurde im Nachhinein weltweit kopiert. Unter dem Einfluss des Zweiten Weltkriegs beendete Smith & Wessen die Herstellung im November 1940. Bis zur eigenen Produktion bei Peerless wurde Model 3 ab November 1941 bei Bemis & Call weitergebaut. Erst um 1950 herum begann Peerless mit der eigenen Produktion. Bis 1957 war Model 3 übrigens das einzige von Peerless hergestellte Modell.

Dieses Exemplar trägt neben der 1925er eine 1932 zuerteilte Patentnummer. Hier hat sich die für eine Vielzahl von Handfesseln typische Art der Arretierung mittels eines Stifts am Schlüsselring statt eines Stifts vorne am Schlüssel etabliert. Diese Form hat sich bis heute im wesentlichen nicht mehr verändert. Es dürfte sich um Version 3 handeln, die noch die Patentnummern eingeprägt hat, jedoch nicht mehr das Peerlesslogo auf der Rückseite.




Vorherige Seite | Nächste Seite

Startseite