Deutsche Polizei
Sehr interessante und traditionsreiche Modelle sind die noch in der deutschen Justiz (Strafvollzug und Gerichte) eingesetzten Handschellen mit der Einprägung "Deutsche Polizei":
Recht große Scharnierhandschellen, die aus Aluminiumguss und Stahl (Bügel) gemacht sind. Als "Doppelfessel für Gefangene" wurden sie von der Firma August Schwarz in Berlin hergestellt. Zielgruppe waren Polizeibeamte. Ab Anfang der 1920er Jahre wurde ein Vorläufermodell (Modell 1) hergestellt, das bloß bis zu 180 Grad in einer Richtung zusammenklappbar war; davon sind m.W. kaum mehr Exemplare vorhanden. In einer Weiterentwicklung blieb das Prinzip klappbarer Handfesseln erhalten, jedoch ließ sich die Konstruktion nach beiden Seiten zusammenklappen (Modell 2 etwa ab Mitte der 1920er Jahre). Die endgültige Form (unten abgebildetes Modell 3) wurde dann vermutlich ab etwa Anfang der 1930er Jahre hergestellt. Die Produktionsstätte wurde allerdings zum Kriegsende hin zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Schwarz-Mitarbeiter Carl Reher Gerätschaften aus der zerbombten Fabrik in Berlin geborgen und ab Anfang bis Mitte der 1950er Jahre (vermutlich 1954) "Deutsche Polizei"-Handschellen in Bad Segeberg bei Hamburg mit geringen Änderungen gebaut. Gerade in den ersten Jahren - bis ca. 1961 - wurde das Modell bei Reher verbessert, bis hin zum Wegfall der Schraube, die das Schloss gehalten hatte. Die Entwicklung ging jedoch weiter, auch der rückseitige Hebel zur Arretierung geht noch auf Carl Reher zurück, das Muster wurde 1973 eingetragen. Seit 1977 schließlich baut "Heinrich Hagge Gerätebau" in Bad Segeberg die "Deutsche Polizei"-Handschellen. Und auch hier ging die Entwicklung weiter.
Übrigens sind die niederländischen Lips-Handschellen, die noch von der Niederländischen Polizei verwendet werden (Stand 2020), baugleich mit den Hagge-Modellen. Lips kooperierte mit Hagge, als die niederländischen Behöden 1978 Lips mit der Herstellung neuer Handschellen beauftragt hatten. Bis 2001 wurden die Bauteile noch in den Niederlanden bei Lips montiert, danach verblieb die komplette Produktion bei Hagge. Seit wenigen Jahren wird die Lips durch die neuere, aber bauänliche SHN ersetzt.
Auffällig an diesen Handschellen ist ein einzelner stehender Bügel anstatt eines Doppelbügels (manchmal als "Seitenschwinger" bezeichnet), was sich seit dem dritten Modell von Schwarz etabliert hat, sowie ein 1926 patentiertes Doppelgelenk zwischen den beiden Schellen, das es seit dem zweitem Schwarz-Modell gibt.
Hier drei Exemplare der "Deutsche Polizei"-Hersteller auf einem Bild (von oben nach unten August Schwarz, Carl Reher, Heinrich Hagge):
August Schwarz (3. Modell):
August Schwarz hat sich schon Anfang der 1920er Jahre (Patent ausgegeben 1922) einen Namen mit der Herstellung von faltbaren Handschellen gemacht, nachdem der Betrieb bereits damals übliche Polizeipfeifen produziert hatte. Das erste Modell (nicht in meiner Sammlung) verfügte noch über einen Doppelbügel und ein einfaches Gelenk zwischen den Schellen.
Gerade das Gelenk war für Schwarz die Besonderheit, so genannte Durchschwinger waren zumindest in Fachkreisen aus den USA bereits bekannt (vgl. die ersten Peerless Mitte der 1910er Jahre). Damalige mit Kette bzw. Drehwirbel verbundene Schellen ermöglichten seiner Ansicht nach kein sicheres und überraschendes Fesseln (offenbar gab es kein Einsatztraining, wie es heute üblich ist). Eine komplett starre Doppelfessel (wie etwa die Hiatt Speedcuff) wäre nicht so einfach mitzuführen gewesen - ein Koppel mit allerhand Gerät wie heute war damals nicht üblich.
Für das öffentliche Publikum hingegen war gerade das Durchschwingen interessant, die geschlossene Handschelle also durchgedrückt und somit wieder einsatzbereit gemacht werden konnte, falls kein Handgelenk oder ähnliches darin war. Viele andere zu dieser Zeit verfügbaren Handfesseln (insbesondere Darbies), konnten ja - einmal geschlossen - nur mittels Schlüssel geöffnet werden. Dies war bei versehentlichem Schließen zeitraubend und machte auch die Aufbewahrung bzw. das einsatzbereite Mitführen aufwändiger.
Das dritte Modell ist das ist in gewisser Weise die endgütige Form der Deutsche Polizei-Modelle. Dieses Exemplar hat deutliche Alters- und Gebrauchsspuren. Die Markierung lautet D.R. PAT. (Deutsches Reichs Patent) und nicht Schutzmarke, wie bei Modellen ab den 1950er Jahren von Reher. Die Sicherung ist nur mit dem recht klein wirkenden Schlüssel zu betätigen, die Schließrichtung ist um das Schlüsselloch herum markiert. Die Schlüssel der Schwarz passen nicht zu den Reher oder Hagge, jedoch sind die Schlüssel von Reher und Hagge kompatibel (siehe auch Bild oben).
Auf dem folgenden Bild ist deutlich die Schraube zu sehen, die das Schloss hält. Bei offenem Bügel kann das Schloss so ausgebaut werden für Wartung, Austausch oder Reparatur. Diese Schraube findet sich auch bei den ersten Reher-Modellen, jedoch nicht mehr bei denen von Hagge.

Carl Reher:
Die Modelle von Reher sind bereits mit "Schutzmarke" markiert. Neu ist vor allem das Schloss, der alte Schlüssel passt nicht mehr. Die Unterschiede zu frühen Hagge-Modellen sind nicht einfach zu erkennen. Teilweise werden genannt die Verarbeitung der Gelenknieten oder die Rohform der Rückseite. Ich möchte nicht ausschließen, dass es Modelle gibt, die in der Übergangsphase hergestellt wurden und daher identisch aussehen könnten.
In folgendem Bild sind Markierung und Schlossschraube gut erkennbar:

Heinrich Hagge (Form C):
Ich zeige diese HS einmal als neueres Modell vom Hersteller Heinrich Hagge" in der aktuellen Form C (Bild oben), am besten zu erkennen durch die Sicherungs-Hebel an der Rückseite und die Anordnung der Schellen derart, dass beide Schlüssellöcher dieser nicht-gespiegelten Handschelle in eine Richtung weisen (es gibt auch eine "Form A" mit einer Schellenanordnung, die an die meisten bekannten August-Schwarz-Modelle angelehnt ist: Die Bügel weisen in die gleiche Richtung, dafür zeigen die Schlüssellöcher voneinander weg). Die "double lock" Sicherung lässt sich auch mit dem Schlüssel aktivieren.
Das untere Exemplar ist ein älteres Modell noch ohne die Sicherungshebel. Dafür sind neben dem Schlüsselloch - wie bei vielen August Schwarz - Pfeile und Schriftzüge für "Auf" und "Zu" eingeprägt. Das mag vielleicht seltsam erscheinen, aber wenn man die Handschellen sichern möchte und dabei versehentlich öffnet, ist das nicht unbedingt lustig.

Heinrich Hagge (Form K):
Etwa Mitte der 2010er Jahre wurde diese Handfessel eingeführt, die auch sicheres Umschließen kleinerer Handgelenke ermöglicht. Erreicht wird das durch die besondere Form des Bügels, anderem Öffnungskreis und erweiterten Schließpositionen. Das abgebildete Exemplar ist in schwarz gehalten, der Schlüssel ist eine größere Ausführung, die mit Handschuhen besser zu bedienen ist.
Hier sind Bügelform und Arretierungshebel gut zu erkennen.
Eine Klarstellung bezüglich Schutzmarke, "Eisernes Kreuz" und Zweiter Weltkrieg, um Verwechslungen, Interpretationen oder Fehldatierungen zu vermeiden:
Handschellen mit der Aufschrift "Schutzmarke" wurden definitiv erst einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von Carl Reher hergestellt, nach Ende des Deutschen Reiches konnte ja kein Reichspatent mehr erworben werden. Allein aufgrund des im Schriftzug gezeigten Eisernen Kreuzes (Tatzenkreuz) ein mit "Schutzmarke" beschriftetes Modell als im WK II- oder NS-Zeitraum zu datieren, ist daher absurd. Betrachtet man die Geschichte des Eisernen Kreuzes, ergibt sich, dass es ein durchaus deutsches Symbol ist, jedoch kein allein vom Dritten Reich vertretenes Zeichen: In der Grobform wurde das Tatzenkreuz bereits im Hochmittelalter wärend der Kreuzzüge insbesondere vom Templerorden oder vom Deutschen Orden verwendet. Auch als "Hansekreuz" bekannt findet man es bis heute etwa bei den Seenotrettern der DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger). Als Verdienstorden wurde das Eiserne Kreuz 1813 vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. gestiftet, diese Tradition wurde in weiteren deutschen Kriegen wieder aufgenommen. Möglicherweise hat die millionenfache Verleihung dieses Verdienstordens im Zweiten Weltkrieg mit der Fehleinschätzung zu tun. Zur Zeit ist das Eiserne Kreuz das Hoheitsabzeichen auf Fahrzeugen der Bundeswehr. Und meines Wissens verwendet die Bundeswehr keine "Deutsche Polizei" Handschellen.
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